Archiv für den Monat: Juli 2018

Die intellektuelle Armut der Kritik an praktischem politischen Handeln – eine Polemik

Als pluralistische Gruppe haben wir nicht eine geschlossene Meinung. Verschiedene Leute, die in unserem Kontext aktiv sind, geben hier immer wieder eine Sichtweise zum besten.

Zum Sprachgebrauch in diesem Text

In diesem Text wird soweit wie möglich auf das Gender-* verzichtet und stattdessen mit der Endung -i bzw. -is gegendert. Das soll geschlechtergerechte Sprache bei gleichzeitiger flüssiger Lesbarkeit ermöglichen.

Außerdem versuchen wir so weit wie möglich auf Fremdwörter zu verzichten und sie falls sie doch auftreten zu erklären um den Text so barrierefrei wie möglich zu halten. Uns geht es hier darum unsere Gedanken möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen, nicht darum uns daran aufzugeilen wie viele tolle lange Wörter wir kennen.

Vorwort

In Nürnberg gibt es seit einiger Zeit Versuche, linken Aktivistis spektrumsübergreifend Wissen und Skills zu direkten Aktionen zu vermitteln. Ein Teil der Solid Nürnberg versucht diese Veranstaltungen zu unterstützen, zum Beispiel durch Kochen für die Seminare, in denen diese Vermittlung passiert.

Ein anderer Teil der Solid Nürnberg scheint sich dadurch in seiner Theorieblase ohne politische Praxis bedroht zu fühlen. Das zeigt sich aktuell in diesem Text, deren Verfassis es offenbar für nötig hielten ihn Stunden vor dem Beginn eines solchen Seminar zu veröffentlichen.

Ebenfalls bezeichnend ist dass die Autoris diesen Text veröffentlichten, ohne vorher das Gespräch mit denen zu suchen, die Seminare zu direkter Aktion in Nürnberg halten, organisieren oder unterstützen. Dafür wäre es nicht einmal notwendig eines dieser Seminare zu besuchen, da die Referentis und Organisatoris mehrfach zu Gast bei Plena der Solid Nürnberg anwesend waren und sich auch als solche zu bekennen gaben. Es sei denn natürlich, diejenigen die Texte auf der Website der Solid Nürnberg veröffentlichen, sind bei deren Plena regelmässig nicht anwesend.

Dieses Verhalten zeigt aus unserer Sicht dass es nicht wirklich um eine konstruktive Auseinandersetzung mit dem Ziel eine bessere Welt zu schaffen geht, sondern um intellektuelles Gemacker. Trotzdem werden wir hier auf einige Punkte inhaltlich eingehen:

Die Projektion der Kritik auf die Person Jörg Bergstedt

In dem Text werden „Direct Action“ und die Person Jörg Bergstedt immer wieder als eine Einheit begriffen. Das ist problematisch weil weder Jörg den Anspruch erhebt eine Repräsentationsperson für direkte politische Aktion zu sein, noch eine Mehrzahl der Aktivistis die direkte Aktionen durchführen sich auf diese Art auf ihn beziehen.

Das mag für Leute, die Hierarchien und Repräsentationspersonen gewohnt sind, merkwürdig klingen, aber für die meisten Aktivistis, die direkte Aktionen als wichtigen Teil ihres politischen Handeln sehen, ist Jörg weder ein Guru noch das personifizierte Böse.

Jörg ist einfach ein Mensch, der intelligente und dumme Sachen sagen kann, den einige vielleicht sympatisch finden und als Freund betrachten, andere möglichst aus dem Weg gehen. Ironischerweise scheinen die einzigen, die in Jörg eine Repräsentationsfigur sehen, die zu sein, die sowohl ihn als auch direkte Aktion grundsätlich kritisieren.

Der Antiziganismus der anderen

Wenn wir von Antiziganismus reden, meinen wir eine spezielle Form von Rassismus, die sich gegen Roma, Sinti, Fahrende, Jenische und andere Personen und Gruppen richtet, die von der Mehrheitsgesellschaft als „Zigeuner“ stigmatisiert werden.

Antiziganismus muss natürlich kritisiert werden. Aber was kann alles antiziganistisch sein? Eine Meinung, klar. Außerdem zum Beispiel Aussagen, ein direkter Angriff, oder weitverbreitete Vorurteile.

Aber wenn man Formen der Lebensführung, die rein zufällig dem ähneln, was Antiziganistis den Sinti & Roma unterstellen, als antiziganistisch kritisiert, tut man dem Kampf gegen Antiziganismus wirklich einen Gefallen?

Kommt den Autoris nicht in den Sinn, dass es einfach praktisch ist, zu trampen, zu containern, und Straßenmusik zu machen? Ich kann nur für mich sprechen – aber wenn ich trampe, containere, oder Straßenmusik mache, behaute ich damit weder, dass ich damit einen ernsthaften Einfluss auf die Gesellschaft habe, noch will ich mich damit i-wie, weder positiv noch negativ, auf Sinti und Roma beziehen. Davon abgesehen sind längst nicht alle Menschen in der Lage dazu sich regelmässig Zugtickets oder auch nur Essen zu kaufen. Sollen diese Menschen grundsätzlich aufs Reisen (oder sogar Essen) verzichten weil es irgendwie konstruierbar ist dass trampen und containern Antiziganistisch ist?

Die Autoris benutzen hier jedoch einen vollkommen verkürzten Freiheitsbegriff, der keine Grautöne mehr kennt. Statt komplexe Abhängigkeitsverhältnisse im kapitalistischen System zu thematisieren, und zu politisieren, wie die Menschen konkret von ihnen eingeschränkt werden, behaupten sie lieber, dass Freiheit in einer Welt, in der neben anderen auch kapitalistische Produktionsformen existieren, prinzipiell nicht möglich sei. Diese Gleichmacherei verblendet den Blick für viele Formen emanzipatorischer Politik – und fällt zusammen mit einer Attitüde, der Recht haben wichtiger ist, als tatsächlich etwas für eine bessere Welt zu tun.

Individuum und Staatsfetisch

Unser Individualismus kommt aus dem Handeln. Die Arbeitis, das sogenannte revolutionäre Subjekt, ist kollektivistischer, ja – aber es tut auch nicht besonders viel. Wir wollen mehr tun. Und damit muss man eben selber anfangen. Irgendwann machen dann schon mehr Leute mit – wenn sie denn wollen.

Die Autoris werfen uns außerdem einen Staatsfetisch vor – dass wir den Staat als Feind veräußerlichen (also außerhalb von uns betrachten), statt einzusehen, inwiefern wir Teil des Problems sind. Es stimmt jedoch nicht, dass wir das nicht einsehen. Natürlich sind wir Teil des Staates. In Diskussionen und Seminaren hört man immer wieder das Bild vom „Bullen im Kopf“, mit dem man sich selbst und andere einschränkt. Wir wollen nicht nur den Staat da außen, sondern auch den in uns loswerden. Unregierbar werden heißt, anderen zu ermöglichen, nicht gehorchen zu müssen – Räume zu schaffen, wo die Angst keinen Platz hat.

Wir tun hin und wieder staatsähnliche Sachen, auch das spricht der Text an. Awarenessteams entstehen völlig richtig aus Angst heraus – Angst vor übergriffigen Mackern. Auch die sind kein äußerliches Problem, in der linken Szene gibt es mehr als genug davon. Wir können versuchen, solche Probleme soweit es geht ohne Gewalt & mehr Angst, sondern mit Vermittlung & Kommunikation zu lösen. Aber das ist Handeln, und das ist Realität – da geht es unter Umständen nicht so sauber zu wie in einem Text mit kritischer Trennschärfe.

Wenn Menschen sich in freien Vereinbarungen zusammentun, um eine bessere Welt zu bauen, dann wollen sie Handeln. Und darüber reden, wie das mit dem Handeln so läuft, ob man es richtig tut oder ob es anders sein müsste. Was es mit uns macht. Und am Ende steht hoffentlich weniger Angst als vorher – Angst vor den anderen, Angst vor dem Staat, Angst vor unserer eigenen Schwäche.

Damit muss man sich mit sich selbst auseinandersetzen – und in letzter Instanz kann das nur jede mit sich selbst. Freie Entscheidungen können nur Individuen treffen, deswegen können nur Individuen sich als solche Zusammenschließen. Und wirklich frei sind sie in unserem bestehenden System natürlich auch nicht sofort. Aber wenn wir zusammen daran arbeiten, dann sind wir morgen vielleicht etwas freier als heute.

Theorie und Praxis

Unser Denken soll uns nicht im Handeln behindern, sondern wir wollen davon lernen. Theorie, die vor allem versucht, Recht zu haben, ist dabei nicht besonders hilfreich – Konzepte beweisen sich dadurch, dass sie funktionieren und Leute sie umsetzen, nicht dadurch, dass ein ganzer Lesekreis jemandem Recht gibt. Insofern ist die Theorie für die Praxis da, indem sie einen besser Handeln lässt, und man Fehler besser einsehen kann.

Umgekehrt kann auch die Praxis etwas für die Theorie tun. Wenn man politisch handelt, hat man einen tatsächlichen Bezug zu der besseren Welt, über die man eben noch nur nachgedacht hat. Da macht das Denken gleich viel mehr Spaß, und die Diskussionen werden in der Regel weniger gegeneinander, sondern mehr miteinander. Praxis ist unter anderem dafür da, dass die Theorie nicht den Boden unter den Füßen verliert. Sie gibt dem Denken einen Raum, den es in einem stickigen Zimmer nicht haben kann.

Insofern die Einladung an die Autoris des ersten Posts: kommt am 7.7. ins Projekt 31 und lasst uns zusammen übers Handeln nachdenken! Da findet ein Workshop zum Thema Kleingruppenaktionen statt, und vielleicht können wir da was voneinander lernen. Aber es geht dort weniger darum, wer Recht hat, sondern eher darum, wie man nicht erwischt wird. Ob das was für euch ist, müsst ihr selbst wissen 😉